Mortalitätsmonitoring (MOMO)

| Letzte Aktualisierung: 22.09.2020

Bild – experimental statistics

Ausgangslage und Entstehung

Beim Mortalitätsmonitoring überwacht das BFS die Übersterblichkeit, das heisst die wöchentliche Anzahl Todesfälle über dem für die Jahreszeit erwarteten Wert. Die Sterblichkeitsraten sind ein wichtiger Indikator der Gesundheitsstatistik und von grundlegender Bedeutung für die öffentliche Gesundheit. Aus diesem Grund kommt dem Monitoring der Mortalität während einer Influenza- oder anderen Pandemie grosse Bedeutung zu. Bei einer schweren Pandemie kann das Monitoring ein robustes Mittel sein, um den Verlauf einer Pandemie und ihre Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit zu beobachten. Das Mortalitätsmonitoring ist ebenso wertvoll, um die Auswirkungen extremer Umweltbedingungen auf das menschliche Leben (Hitzewellen, Kälteeinbrüche) zu bestimmen.

Die Schweiz hat sich dem europäischen Netzwerk von EuroMomo angeschlossen, das auf europäischer Ebene die von den Ländern bereitgestellten Daten nach einheitlicher Methodik auswertet und darstellt, und damit «darauf abzielt, übermäßige Todesfälle im Zusammenhang mit saisonaler Grippe, Pandemien und anderen Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit aufzuspüren und zu messen. Offizielle nationale Mortalitätsstatistiken werden wöchentlich aus den 24 europäischen Ländern des EuroMOMO-Kollaborationsnetzwerks bereitgestellt, das vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt wird.»

Resultate


Die in den Wochen 12 bis 16 (16. März bis 19. April 2020) auf gesamtschweizerischer Ebene beobachtete Übersterblichkeit entwickelte sich in den Regionen und Kantonen unterschiedlich.
Im Tessin (Grossregion CH07) wurde die Übersterblichkeit bereits ab 9. März 2020 (Woche 11) sichtbar und erreichte bei ihrem Höhepunkt in Woche 14 mehr als das Dreifache der üblichen Zahl an Todesfällen. In der Genferseeregion (CH01) begann die Übersterblichkeit am 16. März (Woche 12) und dauerte länger, bis 5. Mai (Woche 18). In der Woche vom 30.3. bis 5.4. starben dort doppelt so viele Menschen, wie normalerweise erwartet würden. Damit ist sie die am zweitstärksten betroffene Region, bezogen auf das Ausmass der Übersterblichkeit. Bezogen auf die deutlich grössere Bevölkerung zeigen sich hier in absoluten Zahlen die meisten zusätzlichen Todesfälle. Alle drei Kantone der Region (VD, VS, GE) sind betroffen. In dieser Region sind die unter-65-Jährigen am stärksten betroffen.
In der Region Nordwestschweiz (CH03) waren Basel-Stadt und-Landschaft betroffen, in Kalenderwoche 14 deutlich. Im Aargau zeigen sich keine erhöhten Werte. Im Espace Mittelland (CH02) ist in den Kantonen Freiburg und Neuenburg Übersterblichkeit sichtbar, in Bern und Solothurn nicht, die Daten für den Kanton Jura sind nicht dargestellt.
In der Ostschweiz (CH05) zeigte sich nur in Graubünden eine leichte Übersterblichkeit, in der Zentralschweiz (CH06) im Kanton Schwyz. In Zürich (CH04) liegen die Werte im oberen Erwartungsbereich.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann sich eine stark erhöhte lokale Sterblichkeit unter Umständen im gesamtschweizerischen Durchschnitt verbergen. Für die acht kleinsten Kantone werden keine Resultate dargestellt.

Ziele

Beim Mortalitätsmonitoring auf Ebene der Schweiz wird die Anzahl der Todesfälle eines Jahres aufgrund der Entwicklung der vorhergehenden fünf Jahre geschätzt, die Verteilung auf die einzelnen Wochen wird aufgrund des Medianwerts für jede einzelne Kalenderwoche der vorangegangenen zehn Jahre geschätzt. Diese Schätzungen werden für unter 65- und über 65-Jährige getrennt durchgeführt. Die Zahlen des Mortalitätsmonitorings basieren auf den täglichen Zivilstandsmeldungen, welche dem BFS im Rahmen der Statistik zur natürlichen Bevölkerungsbewegung BEVNAT von den Zivilstandsämtern geliefert werden. Der Melde- und Verarbeitungsprozess braucht Zeit. In der Regel ist nach neun Tagen ein genügend grosser Anteil (> 85%) der Todesfälle registriert, sodass die Schätzung der tatsächlichen Zahl der Todesfälle auf einer breiten Datenbasismöglich ist. Die Stärke der Übersterblichkeit berechnet sich aus der Differenz der geschätzten und der erwarteten Todesfälle und ist somit eine Schätzung.

Seit dem 28. April 2020 gibt das Mortalitätsmonitoring neu auch Aufschluss über die Todesfallzahlen in den sieben Grossregionen der Schweiz gemäss Definition des BFS: Genferseeregion, Espace Mittelland, Nordwestschweiz, Zürich, Ostschweiz, Zentralschweiz, Tessin. Die Werte für die sieben Grossregionen werden nach einem analogen Vorgehen wie auf Ebene der Schweiz berechnet. Ab dem 15. Mai 2020 publiziert das Bundesamt für Statistik die Resultate des Mortalitätsmonitorings neu zusätzlich für 18 Kantone. Das Mortalitätsmonitoring wird in der Regel am Dienstag aktualisiert.

Methodik

Zusammenfassung

Die Todesfälle werden beim zuständigen Zivilstandsamt gemeldet und in einer zentralen Datenbank (BEVNAT) registriert. Unter der Annahme eines konstanten Meldeflusses schätzt das BFS die Fallzahlen. Die normalerweise zu erwartende Zahl der Todesfälle wird aufgrund der Entwicklung der Fallzahlen jeder Altersklasse der vorangegangenen fünf Jahre berechnet. Zuletzt wird für jeden Erwartungswert eine Bandbreite berechnet, innerhalb welcher Schwankungen als zufällig gewertet werden müssen. Die Berechnung der erwarteten Zahl der Todesfälle entspricht damit nicht einfach einem Durchschnittswert, sondern berücksichtigt die Veränderung der Bevölkerung von Jahr zu Jahr sowie zufällige Schwankungen. Für jeden Erwartungswert wird eine Bandbreite berechnet, innerhalb welcher Schwankungen als zufällig gewertet werden.

Die für die Ebene der Schweiz angewendete Methodik wurde auf die Grossregionen und die Kantone mit mehr als 100 000 Einwohnerinnen und Einwohnern ausgedehnt, indem pro Kanton oder Grossregion eine individuelle Hochrechnung und die Erwartungswerte nach denselben Prinzipien berechnet werden.

Datenquelle

Das Mortalitätsmonitoring basiert auf der laufenden Erfassung der Todesfälle aus dem elektronischen Zivilstandsregister (Informatisiertes Standesregister Infostar). Die Todesfälle müssen mit einer ärztlichen Todesbescheinigung bestätigt und dem jeweiligen kantonalen Zivilstandesamt gemeldet werden.

Das Monitoring umfasst alle Personen mit Wohnsitz in der Schweiz, die in der Schweiz verstorben sind. Nicht berücksichtigt sind im Ausland verstorbene Personen mit Wohnsitz in der Schweiz.

Datenfluss

Die Zahlen des Mortalitätsmonitorings basieren auf den täglichen Zivilstandsmeldungen, welche dem BFS im Rahmen der Statistik zur natürlichen Bevölkerungsbewegung BEVNAT von den Einwohnergemeinden (Zivilstandesämtern) geliefert werden. Nach neun Tagen ist in der Regel eine genügend grosse Datenbasis vorhanden. Der Meldefluss wird für die Zivilstandesämter als konstant angenommen. Nach 40 Tagen sind 97,5% der Meldungen eingetroffen, so dass ab diesem Zeitpunkt die Zahl der eingetroffenen Meldungen ohne Hochrechnung gezeigt wird. Die restlichen 2,5% der Meldungen treffen im weiteren Verlauf des Jahres ein und werden ab ihrer Ankunft berücksichtigt.

Berechnung

Die Berechnungen für das Mortalitätsmonitoring erfolgen in zwei Etappen. Anfangs jedes Jahres werden die Hochrechnungsgewichte für die Meldeverzögerungen (A) sowie die erwartete Zahl der Todesfälle mit einer oberen und unteren Grenze (Bandbreite) berechnet (B). Diese Grundlagen werden für die aktuellen Berechnungen jeden Dienstag gebraucht (C).

A) Anzahl Todesfälle (Hochrechnung)

Basierend auf den Werten des Vorjahres, wird die Verteilung der Meldeverzögerungen (Dauer zwischen Todestag und Einfügen ins Register) geschätzt. Mittels dieser Verteilung werden Gewichtungsfaktoren berechnet, mit welchen die Anzahl Todesfälle des aktuellen Jahres bezüglich Meldeverzug korrigiert werden. Für jeden Kanton und jede Grossregion werden aufgrund der eigenen Meldecharakteristik separate Gewichtungsfaktoren berechnet.

B) obere / untere Grenzen für den erwarteten Wert

  • Schritt 1: mittels Regressionsansatz wird basierend auf den vorangehenden 5 Jahreswerten (nach vorheriger Glättung) eine Schätzung der Anzahl Todesfälle für das laufende Jahr erstellt. (Dabei wird die Anzahl Todesfälle als poissonverteilte Variable betrachtet, Schätzung erfolgt in mehreren Altersklassen).
  • Schritt 2: für jede Woche wird Anhand der 10 vorangehenden Jahre ein Medianwert der Anzahl Todesfälle gerechnet.
  • Schritt 3: Die wöchentlichen Werte aus Schritt 2 werden geglättet.
  • Schritt 4: Die Werte aus Schritt 3 werden hochskaliert, so dass ihr Total dem Total der Schätzung aus Schritt 1 entspricht.
  • Schritt 5: Basierend auf der Annahme, dass die Anzahl Todesfälle als poissonverteilt betrachtet werden kann, und den Werten aus Schritt 4, werden Prädiktionsintervalle (obere / untere Grenzen) für die Anzahl Todesfälle berechnet.

C) Wöchentliche Auswertung

Bei der wöchentlichen Auswertung werden die gemeldeten Todesfälle mittels Hochrechnungsfaktor tagesgenau ergänzt. Dies ergibt die als Anzahl Todesfälle (Hochrechnung) ausgewiesene Zeitreihe. Die erwarteten Zahlen aus Schritt B werden mit ihrer Bandbreite hinzugefügt.