Covid-19 und Lebensbedingungen in der Schweiz 2020 (SILC)

| Letzte Aktualisierung: 17.11.2020

Bild – experimental statistics

Ausgangslage

Aufgrund der Covid-19-Pandemie gab es im Frühjahr 2020 weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Einschränkungen, die die Lebensbedingungen der Schweizer Wohnbevölkerung verändert haben. Mit der Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (SILC), die jährlich detaillierte Informationen zur Armut und den Lebensbedingungen in der Schweiz liefert, konnten die Auswirkungen auf die Lebensbedingungen gemessen und hier erstmals dargestellt werden. Die Interviews für die SILC 2020 fanden von Januar bis Juni 2020 statt. Dieser Erhebungszeitraum deckt den Beginn der Covid-19-Pandemie exakt ab und ermöglicht eine Differenzierung zwischen der Zeit vor dem partiellen Lockdown in der Schweiz (bis 16. März, 7507 beantwortete individuelle Fragebogen) und der Zeit während des partiellen Lockdowns (16. März bis 20. Juni, 4864 Fragebogen).

Ziele

Anhand dieser experimentellen Analysen sollen so rasch wie möglich Informationen zum Umgang der Schweizer Wohnbevölkerung mit der Situation zu Beginn der Gesundheitskrise infolge der Covid-19-Pandemie bereitgestellt werden. Die subjektiven Einschätzungen der Bevölkerung zu den wichtigsten Lebensbereichen (persönliche Beziehungen, Gesundheit, finanzielle Situation, Gefühl von Glück, Arbeitsplatzsicherheit, Vertrauen in das politische System usw.) vor und während des partiellen Lockdowns wurden miteinander verglichen und den Ergebnissen von 2019 gegenübergestellt.

Um die Ergebnisse der Erhebung 2020 für die Gesamtbevölkerung im Hinblick auf eine rasche Veröffentlichung korrekt zu schätzen, wurde eine experimentelle Gewichtung entwickelt (vgl. Abschnitt Methodik).

Ergebnisse

Die Schweizer Wohnbevölkerung zeigt generell ein hohes allgemeines Zufriedenheitsniveau, das sich in der ersten Hälfte des Jahres 2020 nicht abschwächte. Die Covid-19-Krise wirkte sich in diesem Zeitraum kaum auf die Zufriedenheit der Schweizer Wohnbevölkerung in Bezug auf das jetzige Leben, die persönlichen Beziehungen und den selbst wahrgenommenen Gesundheitszustand aus. Der Anteil Personen, die sich ständig oder häufig als glücklich bezeichnen (Gefühl von Glück), ging zwar nach der Erlassung des partiellen Lockdowns am 16. März 2020 signifikant zurück, im Vergleich mit dem Vorjahr ist aber keine aussergewöhnliche Entwicklung zu erkennen.

 

Das Vertrauen der Bevölkerung in das politische System in der Schweiz gehört zu den höchsten in Europa und ist während der Krise nochmals deutlich gestiegen. Personen, die am 16. März oder später befragt wurden, haben signifikant häufiger ein grosses oder sehr grosses Vertrauen in das politische System in der Schweiz als jene, die vorher befragt wurden. Gleichzeitig ging der Anteil der Personen mit geringem Vertrauen deutlich zurück. Die stärkste Vertrauenszunahme zeigt sich bei Personen ab 65 Jahren, Frauen, Schweizer Staatsangehörigen, deutschsprachigen Personen sowie Personen mit höherem Bildungsgrad (Sekundarstufe II oder tertiäres Bildungsniveau).
 

 

Die subjektive Einschätzung der finanziellen Situation des Haushaltes hat sich im ersten Halbjahr 2020 in der Gesamtbevölkerung kaum verändert. Dies trifft jedoch nicht auf alle Bevölkerungsgruppen zu. Personen, deren Interview auf Französisch geführt wurde, kamen nach eigener Einschätzung während des partiellen Lockdowns deutlich häufiger finanziell leicht oder sehr leicht über die Runden als davor. Bei der Bevölkerung ab 65 Jahren war dies bereits vor dem partiellen Lockdown der Fall. Umgekehrt hat sich bei Personen mit italienischsprachigem Interview dieser Anteil nach dem 16. März markant verringert.
 

 

Seit Beginn der Gesundheitskrise wurden aber auch Sorgen bezüglich der künftigen finanziellen Situation geäussert, insbesondere eine deutlich geringere Arbeitsplatzsicherheit: Der Anteil der Erwerbsbevölkerung, die das Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, als sehr gering einschätzt, ist von 64,2% Anfang 2020 auf 53,5% während des partiellen Lockdowns gesunken. Vor allem Männer, ausländische Personen sowie Personen mit finanziellen Schwierigkeiten äussern eine geringere Arbeitsplatzsicherheit.
 

 

Die ausführlichen Resultate für alle Indikatoren und Untergruppen sind als Excel-File verfügbar.



Methodik

Die Schätzungen für 2019 und 2020 basieren auf den provisorischen, noch nicht veröffentlichten Ergebnissen der SILC-19 und der SILC-20.

Da das Profil der Befragten nicht mit jenem der Antwortverweigerer übereinstimmt, spielt die Gewichtung eine wichtige Rolle für eine Extrapolation zur Referenzbevölkerung.

Die benutzte Gewichtung der SILC-19 entspricht der definitiven Standardgewichtung, während bei der SILC-20 (vor und während des partiellen Lockdowns) eine experimentelle Gewichtung verwendet wurde.

Die Standard-Querschnittsgewichtung der SILC wird in der Regel rund zehn Monate nach Abschluss der Felderhebung erstellt. Diese Verzögerung ist darauf zurückzuführen, dass die Ergebnisse zunächst auf ihre Vollständigkeit kontrolliert und konsolidiert werden müssen. Zudem gilt es, die Registerdaten (verfügbar ab März 2021 für die Erhebung 2020) zu integrieren, um diese Gewichtung zu produzieren. Die Arbeiten zur Qualitätskontrolle und zur Registerintegration betreffen die hier untersuchten subjektiven Variablen jedoch nur sehr geringfügig.

Um die Informationen zu den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf das Wohlbefinden der Schweizer Wohnbevölkerung im ersten Halbjahr 2020 früher veröffentlichen zu können, wurde eine provisorische, experimentelle Gewichtung berechnet. Sie umfasst eine einheitliche Korrektur der totalen Antwortausfälle ohne Berücksichtigung der Spezifizitäten der Profile. Diese einheitliche Korrektur der totalen Antwortausfälle wird durch einige fehlende Hilfsvariablen (der Profile) begründet, die normalerweise in der Standardgewichtung für die Korrektur der Antwortausfälle verwendet werden.

Um die potenzielle Verzerrung, die durch totale Antwortausfälle hervorgerufen wird, zu korrigieren, wurde für die provisorische, experimentelle Gewichtung eine abschliessende Kalibrierung angewendet. Diese beruht auf den gleichen Dimensionen wie die abschliessende Kalibrierung der Standardgewichtung, beruht aber auf den Informationen der Hilfsvariablen von 2018 anstatt von 2019 (letztere sind erst im März 2021 verfügbar). Die für die Auswertung der Daten im Rahmen der Covid-19-Pandemie verwendete experimentelle Gewichtung repräsentiert somit die Bevölkerung von Ende 2018, anstatt Ende 2019, die für die Standardgewichtung für die SILC-20 herangezogen wird.

Für die abschliessende Kalibrierung wurden folgende Variablen aus den Registern verwendet:

  • Zivilstand (SRPH)
  • Geschlecht (SRPH)
  • Staatsangehörigkeitsgruppe – 4 Kategorien (SRPH)
  • Familientyp (SRPH)
  • Haushaltsgrösse (SRPH)
  • Grossregion (SRPH)
  • Armutsgefährdung bei 60% des Medians des Haushaltsäquivalenzeinkommens (ZAS)
  • Indikator für ein Haushaltsäquivalenzeinkommen < P10 (ZAS)
  • Indikator für ein Haushaltsäquivalenzeinkommen < P50 (ZAS)
  • Indikator für ein Haushaltsäquivalenzeinkommen < P20 (ZAS)
  • Indikator für ein Haushaltsäquivalenzeinkommen > P80 (ZAS)

 

Diese Variablen überschneiden sich teilweise mit den Hilfsvariablen, die bei der Standardgewichtung für die Korrektur der Antwortausfälle verwendet werden. Folgende Hauptdimensionen werden nicht berücksichtigt:

Variablen aus den Registern:

  • Haushaltszusammensetzung nach Staatsangehörigkeit
  • Familientyp und Anzahl Kinder
  • Haushaltszusammensetzung nach Geschlecht
  • Gemeindetypologie – 9 Kategorien
  • Staatsangehörigkeitsgruppe – 2 Kategorien
  • Grösse der Wohngemeinde des Haushalts
  • Ergänzungsleistungen im Haushalt
  • Anzahl Arbeitslosenhilfen im Haushalt
  • Anzahl Invalidenrenten im Haushalt
  • Anzahl Altersrenten im Haushalt
  • Anzahl Erwerbseinkommen im Haushalt
  • Umzüge (Wechsel des Gebäudes) in den letzten 2 Jahren
  • Wohnfläche pro Haushaltsmitglied
     

Variablen aus der ersten Befragungswelle der SILC-Erhebung, die für die zweite Welle benutzt werden:

  • Erwerbsstatus – 4 Kategorien
  • Armutsgefährdung bei 60% des Medians des Haushaltsäquivalenzeinkommens
  • Materielle Entbehrung, 3 von 9 Elementen
  • Typ der höchsten Ausbildung im Haushalt
  • Interesse für Politik
  • Miete und Wohnkosten

 

Um die eingeschränkte Vergleichbarkeit aufgrund der unterschiedlichen Profile der Befragten am Anfang (höhere Kooperation gegenüber der Statistik) und der Befragten am Ende der Erhebung zu korrigieren, wurde die Nettostichprobe der vor dem 16. März befragten Personen unabhängig von jener der zwischen dem 16. März und dem 20. Juni (partieller Lockdown in der Schweiz) befragten Personen behandelt. Somit entsprechen beide Nettoteilstichproben jeweils der Bevölkerung von Dezember 2018.

Die Streuung der Gewichte bei der experimentellen Gewichtung SILC-20-Covid-19 ist mit der Standardgewichtung SILC-19 vergleichbar.